Erneuerbare Energien sind gefragt wie nie. Sie gehören zu den hoffnungsvollsten Branchen – auch in der Schweiz. Gemäss einer Studie, die McKinsey & Company im Auftrag des Bundesamtes für Energie ausgearbeitet hat, könnten bis ins Jahr 2020 rund 25’000 neue Arbeitsplätze in den Bereichen Energieeffizienz und erneuerbare Energien entstehen. Die Studie rechnet mit 2,6 Milliarden Franken Zusatzinvestitionen. In ihrer Cleantech-Initiative spricht die SP Schweiz gar von mittelfristig über 100’000 Arbeitsplätzen. «Das ist durchaus möglich», sagt Hans Dörig. Leiter des Lehrgangs Solarteur an der Energieakademie Toggenburg. «Dazu müssen aber auch gute Fachleute ausgebildet werden.»
Hans Dörig, nehmen wir an, ein Elektroinstallateur will sich nach der Lehre im Bereich Erneuerbare Energien fortbilden. Wie soll er vorgehen?
Dörig: Zuerst muss er sich überlegen, in welche Richtung es gehen soll. Will er weiterhin handwerklich arbeiten, will er in der Planung tätig sein oder sogar ein eigenes Geschäft aufbauen? Für ein Geschäft braucht er die Fachkundigkeit, also die Meisterprüfung oder einen akademischen Abschluss im Fachbereich mit Praxisnachweis. Branchenverbände bieten zudem einige Kurse und Weiterbildungen in den jeweiligen Technologien an. Ein guter Einstieg in die Welt der erneuerbaren Energien ist der Lehrgang Solarteur.
Was bringt dieser Lehrgang?
Er basiert auf drei Fachmodulen: Solarthermie, Photovoltaik und Wärmepumpen. Biomasse könnte noch hinzukommen. Damit bilden wir Generalisten aus, die verschiedene Technologien verstehen und die Kunden richtig beraten können. Heute braucht es Fachleute und Unternehmen mit Weitblick. Vielerorts ist die Beratung noch ungenügend, weil einige Firmen nur schnelles Geld verdienen wollen.
Der Lehrgang stösst auf grosses Interesse. Neu kann man sich an der Energieakademie Toggenburg auch zum Energiemanager ausbilden lassen. Wird es künftig in der Schweiz vermehrt solche Ausbildungen geben?
Davon bin ich überzeugt. Optimal wäre es, wenn erneuerbare Energien schon in den Grundbildungen eingehender thematisiert würden. Das braucht aber noch Zeit. Angeboten wird bereits das Nachdiplom-Studium Energiemanagement. Und die Hochschule für Technik in Rapperswil ZH führt das Bachelorstudium «Erneuerbare Energien und Umweltwelttechnik». Das ist besonders spannend, da Erneuerbare und Umwelt stark zusammenhängen. Solche Ausbildungen, die ganze Prozesse durchleuchten, sind zukunftsträchtig.
Erneuerbare Energien haben ein nachhaltiges Wachstumspotenzial im Arbeitsmarkt. Welche Technologie hat die besten Aussichten?
Eine genaue Prognose ist schwierig. Wärmepumpen sind in der Schweiz ein Trend, diese Technologie wird bei vielen Neubauten und Gebäudesanierungen eingesetzt. Gut sieht es auch im Solarthermie-Markt aus. Laut Schätzungen wird er in den nächsten Jahren um das Dreifache wachsen, und zwar auf ein jährliches Umsatzvolumen von rund 800 Millionen Franken. Photovoltaik nimmt ebenfalls stark zu. Wie auch immer sich der Markt entwickelt: Es geht vor allem darum, die richtige Technologie am richtigen Ort einzusetzen.
Das heisst?
Ein Beispiel: Wenn jemand eine Solaranlage bauen will, muss er wissen, welche Technologie sinnvoll und ertragsoptimiert – und damit auch effizient – genutzt werden kann. Genau deshalb sind Fachkräfte so wichtig, die sich in den verschiedenen Bereichen auskennen und einen erweiterten Blickwinkel haben.
Welche Berufsgruppen können vom Wachstum profitieren?
Elektro-, Heizungs- und Sanitärinstallateure, Dachdecker und Polybauer, die auf Gebäudehüllen spezialisiert sind. Bei Projekten, die über ein Ein- oder Mehrfamilienhaus hinausgehen, sind insbesondere auch Ingenieure für die Planung gefragt.
Neue Arbeitsplätze sollen vor allem in Klein- und Mittelbetrieben geschaffen werden. Sind die Unternehmen bereit, den Wechsel zu den Erneuerbaren zu vollziehen?
Noch sind nicht alle Unternehmen so weit, aber in immer mehr kleinen Firmen findet ein Umdenken statt. Wir haben in der Schweiz gut ausgebildete Handwerker. Das Marketing muss aber noch mehr berücksichtigt werden. Entscheidend ist, wie ich mit den Kunden umgehe. Wie gesagt: Die Kunden müssen umfassend und transparent beraten werden, damit sie sehen, was sie erhalten.
Nun ist auch so, dass beispielsweise Module für Photovoltaikanlagen häufig im Ausland produziert werden, weil es dort billiger ist. Braucht die Schweiz neue Investitionsanreize?
Erneuerbare Energien werden bereits heute über verschiedene Kanäle subventioniert. Nur können die zur Verfügung stehenden Gelder nicht überall sofort abgerufen werden. So muss das eine oder andere Projekt länger auf Fördermassnahmen warten. Viele Leute wollen zum Beispiel ihre Photovoltaikanlage erst bauen, wenn sie die kostendeckende Einspeisevergütung zugesichert haben. Das finde ich schade.
Deutschland ist dank gezielter staatlicher Förderung zum Branchenprimus aufgestiegen. Im Jahr 2011 waren 382’000 Personen in der Brache der Erneuerbaren beschäftigt, mehr als doppelt so viele wie 2004.
Die Deutschen sind uns Schweizern vor allem zeitlich voraus, weil sie etwa zehn Jahre früher begonnen haben, in erneuerbare Energien zu investieren. Aber auch bei uns ist jetzt Schwung drin. Nach Fukushima hat es plötzlich einen grossen Andrang gegeben, viele Berufsleute interessieren sich für die Erneuerbaren, der Markt wächst. Noch aber gibt es in der Schweiz – im Gegensatz zu Deutschland – zu wenige technische Fachkräfte. Dieses Manko müssen wir ausgleichen. Und ich bin zuversichtlich, dass wir das auch schaffen.
